Der Reinhardswald – kein Platz für ein Industriegebiet

Reinhardswald mit Blick über das Oberwesertal Richtung Solling (Foto pivat)

Der Reinhardswald bietet mit all seinen Werten und Besonderheiten als vorgesehener Standort für Windturbinen hohes, u.E. unüberwindbares Konfliktpotenzial. Allein als Aktionsbündnis Märchenland haben wir im Rahmen der Öffentlichkeitsbeteiligung im Genehmigungsverfahren Anfang Januar 2021 gegen diese nun beantragten ersten 18 Windanlagen über 1000 Seiten an das Regierungspräsidium Kassel übergeben. Darin aufgeführt, belegt und differenziert ausgeführt war, bezogen auf den Reinhardswald wie auch auf die einzelnen geplanten Standorte, eine Vielzahl an Inhalten, die gegen das Vorhaben stehen.

Eine illustrierende Darstellung des Vorhabens mit einigen Gegebenheiten im Vorranggebiet 4b (hier sollen 16 der 18 beantragten WEA auf dem Reinhardswaldkamm entstehen), findet ihr hier.

 

GEHT NICHT WEIL

Artenschutz 

Nachgewiesen sind u.a. verschiedene Groß- und Greifvogelarten, die auf Grund der neuen Kahlflächen nun auch dort bevorzugt jagen, bzw. sich in den neuen Randbereichen ansiedeln. Außerdem nachgewiesen: Allein 16 Fledermausarten, darunter mehrere Arten der Roten Liste. Wildkatzen bilden eine stabile Population. Wölfe und zuletzt Luchse konnten in den zurück liegenden Jahren wiederholt beobachtet werden. Der großräumige, weitgehend unzerschnittene, bisher (!) störungsarme Reinhardswald bietet auch für diese Tiere ein geeignetes Habitat und gilt als Trittstein auf der Wanderroute in südlichere Regionen (*) und, und, und…

* Prof. Matthias Glaubrecht dazu: Die Größe ist sehr wichtig, wenn es darum geht, ob Raubtiere einen Wald besiedeln können. Für die Artenvielfalt spielt zudem der Zusammenhang zwischen den einzelnen möglichst naturbelassenen Gebieten (…) eine entscheidende Rolle. Der Reinhardswald etwa ist so ein Trittstein, der hessische, bayerische und baden-württembergische Waldregionen miteinander verbindet. Von Pfälzer Wald über die großen Waldregionen in Hessen, vom Bayerischen Wald bis zum Harz ziehen sich Grünachsen durch Deutschland, die wir brauchen, wenn wir etwa den Luchs wiederansiedeln wollen. Das heißt, wie brauchen möglichst viele Trittsteine als Vernetzung insulärer Lebensräume.(…)

Das gesamte, sehr interessante Interview von ProWald mit Prof. Matthias Glaubrecht findet Ihr hier.  Prof. Matthias Glaubrecht ist Professor für Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg und Wissenschaftlicher Leiter des Projekts „Evolutioneum“ am dort neu gegründeten Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB). Zuletzt erschien sein preisgekrönter Bestseller „Das Ende der Evolution. Der Mensch und die Vernichtung der Arten“ (2020), in dem er Fakten und Befunde zum anthropogenen Artenwandel beschreibt.

Sababurg mit Reinhardswald, Offizielle Visualisierung, leichte Ausschnittvergrößerung (Zoom), wie gerne von Fotografen verwendet)  > Quelle: Antragsunterlagen Windpark Reinhardswald,
Kapitel 19.5.4.2, Fa. Ramboll, Denkmalfachlicher Beitrag, zu sehen sind die WEA 9-17; von Fachleuten kritisiert wg. mangelnder Qualität (Dunst./ fehlender Kontrast)

Beeinträchtigung des Landschaftsbildes 

Es handelt sich um einen Naturpark! Die Landschaft ist nachweislich in der hohen und höchsten Wertstufe und z.T. als „kulturhistorisch“ eingeordnet. Zudem ist er Existenzgrundlage des lokalen sanften Tourismus‘ und Gastgewerbes.

Denkmalschutz

Erheblich beeinträchtigt würden vor allem das DornröschenschlossSababurg mit Europas ältestem Tierpark sowie der Wallfahrtsort Gottsbüren. Das Hessische Landesamt für Denkmalpflege hat sich daher im laufenden Verfahren bereits mehrfach eindeutig gegen 16 der 18 Windturbinen ausgesprochen. Die Entscheidung liegt jedoch bei der Unteren Denkmalschutzbehörde.

Beeinträchtigung der Erholungswaldflächen

Der Reinhardswald gilt laut Landschaftsrahmenplan Nordhessen als „Erholungsraum von herausragender Bedeutung“ – mindestens 10 Windanlagen wurden dennoch in ausgewiesenen Erholungswaldgebieten positioniert.


Standsicherheit / Geologie

Der Boden ist klüftig, der Untergrund z.T. nachgewiesen nicht tragfähig, z.T. in größeren Tiefen sogar unbekannt. 6 Anlagen wären daher mit bis zu 15 Meter hinab greifenden Tiefgründungen zu errichten, ohne die der klüftige, instabile Boden die tausende Tonnen schweren Windmaschinen nicht tragen könnte. Was Tiefgründungen unter dem eigentlichen Fundament mit Rüttelstopfsäulen oder Pfahlgründungen mit jeweils hunderten an Tiefenbohrungen mitten im Wald, noch dazu in historisch altem Waldboden (!) bedeuten würden, zeigen die Videos:

Rüttelstopfverfahren mitten im Wald – unvorstellbar aber geplant

Trinkwasserschutz

Insgesamt 14 Anlagen, darunter sogar 4 mit Tiefengründungen, sind in der Trinkwasserschutzzone (TWS-Zone) III vorgesehen, möglicherweise befinden sie sich sogar in TWS-Zonen II. In diesen Zonen darf nicht gebaut werden! Die TWS-Zonen II wurden im Reinhardswald bisher jedoch nicht ausgemessen sondern lediglich grob geschätzt. Man ging seinerzeit davon aus, dort würde nie etwas anderes erfolgen als forswirtschaftliche Bearbeitung… Auch würden mehrere Kilometer an neu zu erstellenden Schwerlasttrassendurch das Trinkwasserschutzgebiet führen. Rund 50.000 Menschen erhalten ihr Trinkwasser aus dem Reinhardswald (mehr s. auch unter Brandschutz)!  

Brandschutz

Im Forstgutsbezirk Reinhardswald nicht geklärt. Zusätzliche, ebenfalls mehrere Meter tief im Waldboden einzulassende Zisternen, sowie Auffangvorrichtungen und integrierte Löschsysteme allein bieten keinen sicheren Schutz. 18 Windturbinen des Typs Vestas V150 5,6MW mit zusammen über 86.000 Litern wasser- und bodengefährdenden Ölen und Kühlflüssigkeiten, davon rund ein Drittel brennbar, sowie insgesamt mehr als 900kg brennbare Fette und Schmierstoffe in den Maschinenhäusern potenzieren das ohnehin zukünftig zunehmende Waldbrandrisiko maximal. Brennende WEA sind zudem aufgrund ihrer Höhe nicht von der Feuerwehr löschbar.

Lärm / Schallausbreitung

Nicht nur einige Orte sind betroffen sondern in großem Ausmaß ausgewiesene Erholungswaldflächen, in denen die meisten der Anlagen sogar positioniert werden sollen. Dazu alle Bewohner des Waldes! Denn es gibt keine zu berücksichtigende „TA-Lärm“ für diesen Naturraum– also keine festgeschriebenen Lautstärkenbegrenzungen – ausgerechnet im Wald!

Rückbaukosten

Nachweislich um ein Vielfaches zu gering bemessen, obwohl gleichzeitig allseits versichert wird, was rechtlich für Windanlagen als „privilegierte Bauten“ im sonst nicht bebaubaren Außenbereich auch vorgeschrieben ist: Am Ende der Betriebszeit sind alle Bestandteile ober- wie unterirdisch komplett zu entfernen und die beanspruchten Flächen in den ursprünglichen Zustand zurück zu versetzen. (Dass der „ursprüngliche Zustand“ eines derart zerstörten, gewachsenen, wertvollen Waldbodens, zumal an einem über 1000jährigen Waldstandort, tatsächlich niemals wieder hergestellt werden kann, ist allseits bekannt)

Anlagenstandorte außerhalb der Vorrangflächen

Drei geplante Anlagenstandorte liegen bis zu 60 Meter außerhalb der ausgewiesenen Vorrangflächen.

Archäologie

Auf weiten Flächen ist die lange Historie des Reinharsdwaldes im Waldboden bewahrt. Zu finden sind dort ebenfalls gut erhaltene Wölbäcker in einer Ausdehnung, die bundesweit einmalig ist.

Und viele weitere…

…wie zum Beispiel das unmittelbar angrenzendes FFH-Gebiet, Rodung u.a. von über 110 jährigem, sogar z.T. über 150 jährigem Buchenbestand und noch älteren Solitären, Lebensraum-Zerschneidungen (sogar durch Kernzone und Trinkwasserschutzgebiet) durch 14 Kilometer an neu – und auszubauenden Schwerlasttrassen…und so vieles mehr!

Zu den einzelnen Themen möchten wir nach und nach mehr Details veröffentlichen.

Ganz sicher ist: Der Reinharsdwald ist kein Platz für ein Industriegebiet!

Für heute herzliche Grüße…


Herzliche Grüße
Euer Local Team von Rettet den Reinhardswald

ACHTUNG: Wir agieren bewusst parteipolitisch neutral. Die Verwendung des Reinhardswalds zur eigenen, parteipolitischen Profilierung lehnen wir ab. Der Wald ist unverzichtbar für uns alle!